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ttrl
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2013-09-08 11:00:49
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Soziologie
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  1. Definition: Soziologie
    • eine empirische Sozialwissenschaft
    • untersucht Strukturen des sozialen Handelns und die Formen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung unter Berücksichtigung der Normen und Werte, sozialer Prozesse und Institutionen, die die Integration der Gesellschaft und den sozialen Wandel bewirken
    • ist Wissenschaft, die soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seine Wirkungen ursächlich erklären will
    • Handeln ist menschliches Verhalten, mit dem der Handelnde einen subjektiven Sinn verbindet
    • soziales Handeln ist Handeln, welches nach dem vom Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist
  2. Soziologie lässt sich in drei Bereiche unterteilen
    • Allgemeine Soziologie: erarbeitet die für die Soziologie grundlegenden Begriffe und Kategorien, hat das Ziel, zusammenhängende Aussagensysteme (Theorien) über einzelne Bereiche der sozialen Wirklichkeit aufzustellen
    • Spezielle Soziologien: wenden sich Objekten zu, bspw. Familie und Gruppe, Arbeit und Beruf, Institutionen und Organisationen, Politik und Gesellschaft
    • Sozialwissenschaftliche bzw. soziologische Methoden: erheben empirische Daten um sie aufzubereiten und zu interpretieren
  3. Definition: Theorien
    • sind geordnete Aussagemengen über Teile der Wirklichkeit
    • gehen auf mehrfach an der Wirklichkeit geprüfte Hypothesen zurück
    • Hypothesen: sind begründete Annahmen über den zu untersuchenden Gegenstandsbereich
    • sind die Hypothesen mehrfach geprüft, ohne dabei falsifiziert zu werden, kann mit Hilfe der Theorie eine Prognose gemacht werden, wie ein Objekt oder Ereignis in einer angegebenen Zukunft beschaffen sein wird
    • --> überprüfte Theorien haben eine erklärende (explikative) und eine prognostische Funktion
  4. Definition: Werturteilsfreiheit (nach Weber)
    • die Auswahl eines Stoffes enthält schon eine Wertung
    • die Feststellung empirischer Tatsachen und die praktisch wertende Stellungnahme muss auseinander gehalten werden
    • Werturteilsstreit flammt in der Geschichte der Soziologie immer wieder auf
  5. Geschichte der Soziologie
    • zunehmende Dominanz des Sozialen und des Gesellschaftlichen als bewusst wahrgenommene Sphäre war Voraussetzung zur Entwicklung der Soziologie
    • Amerika als Vorreiter: Entwicklungszentrum waren Länder und Städte, in denen Umbrüche der Industriegesellschaft besonders deutlich waren: England, Frankreich, Deutschland, Österreich, USA
    • Karl Marx und Friedrich Engels: das Manifest der Kommunistischen Partei schildert, dass sich mit Bourgeoisie und Proletariat zwei Klassen antagonistisch gegenüber stehen, was nur durch Revolution zu lösen sei
    • Herbert Spencer: Gesellschaft als Organismus im Evolutionsprozess (Sozialdarwinismus)
    • Émile Durkheim: legt die Grundlagen der Methodologie, indem er die Gegenstände der Soziologie von anderen Objekten wie der Psyche und der Psychologie trennt und hat zur Entwicklung ihrer Methoden und der Sozialstatistik beigetragen
    • Max Weber: untersucht Gründe für die Entstehung des modernen Kapitalismus
    • Institutionalisierung durch Lehrstühle und Forschungseinrichtungen: nach dem ersten Weltkrieg steigerte die gesellschaftliche Krisen- und Umbruchsituation den Bedarf an sozialwissenschaftlicher Fundierung der Politik und Berufspraxis
  6. Definition: soziale Tatsachen/sozialer Tatbestand
    • ist jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die die Fähigkeit besitzt, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben; oder auch, die im Bereich einer gegebenen Gesellschaft allgemein auftritt, wobei sie ein von ihren individuellen Äußerungen unabhängiges Eigenleben besitzt
    • Beispiel: Geld, Institutionen, Grußformen, Gesetze
  7. Definition: Macht
    • bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, egal worauf diese Chance beruht
    • deutet auf Willkür hin
  8. Definition: Herrschaft
    • ist die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden
    • deutet auf Legitimation hin
  9. Definition: Chance
    • zentraler Begriff der Weberschen Methodologie
    • Soziologie kann nur zu Regelmäßigkeiten sozialen Handelns, kaum zu kausal definierten Gesetzmäßigkeiten vorstoßen
    • Weber entwickelt deshalb den Idealtypus als Arbeitsinstrument
  10. Anthropologisch fundierten Handlungsbegriffs (nach Gehlen)
    • Handlung ist für ihn Angelpunkt zur Überwindung der Dualismen Leib und Seele, Körper und Geist und des Sich-Einlassens des Menschen auf Welt und handelnde Mitmenschen
    • Mensch ist ein weltoffenes Neugierwesen, das nicht durch Instinkte festgelegt ist
    • eine sichere Handlungsführung erhält der Mensch nur durch Normen und Institutionen, die zugleich Entlastung von fallweisen individuellen Entscheidungen bedeuten
    • Entlastungen geben die Chance für kulturelle Weiterentwicklungen auf Basis immer differenzierterer sensorisch-motorischer Verhaltensweisen, zumal der Sprache
    • Antriebe des Menschen zeichnen sich durch hohe Formbarkeit (Plastizität) aus
    • zielorientiertes und von eigenen Motiven gesteuertes Handeln, dass sich vom bloßen Sich-Verhalten unterscheidet, setzt Strukturierungsleistung voraus
    • diese beruht auf Selektion gegenüber einer reizüberfluteten Wahrnehmung mit ihrem Reflexions- und Deutungsüberschuss
    • dafür ist eine Kluft (ein Handlungshemmnis) zwischen Antrieb und Handlungsvollzug Voraussetzung
    • Mensch hat Fähigkeit zur Distanz, auch zu sich selbst
    • die Handlungshemmung durch Reflexion ist kulturell überformt und individuell unterschiedlich ausgebildet und wird durch exzentrische Positionalität des Menschen ermöglicht
    • sowohl ein Triebüberschuss, besonders im Sexualleben, als auch ein ungebändigter freier Wille kann stabilisierende Normen und Institutionen gefährden
    • Gehlen ist anthropologischer Pessimist und glaubt nicht an eine prinzipiell gute Natur des Menschen
    • kritisch ist an Gehlens Anthropologie und Handlungstheorie zu sehen, dass Seinsaussagen über die menschliche Natur vorschnell in Sollaussagen bspw. Über die Notwendigkeit rigider Institutionen oder einen starken Staat umschlagen können
    • → Abgleiten in totalitäre Institutionen ist möglich
  11. Definition: Normen
    • norma: Richtschnur, Winkelmaß, Regel
    • sind ausdrücklich vermittelte Regeln des erwünschten oder vorgeschriebenen menschlichen Tuns und Lassens, wie auch der inneren Einstellung und des Denkens
    • werden bei denen, die sich an sie halten sollen, durch Bewusstmachung eingeführt und in Geltung versetzt
    • sind Grundgerüst sozialen Handelns; von Grußformen bis hin zu kodifizierten Normen
    • Normativität des sozialen Handelns ist für Soziologie grundlegender sozialer Tatbestand und als unabdingbar vorauszusetzen
  12. Definition: Werte
    • Wert ist eine Auffassung vom Wünschenswerten, die explizit oder implizit sowie für ein Individuum oder eine Gruppe kennzeichnend ist und welche die Auswahl der zugänglichen Weisen, Mittel und Ziele des Handelns beeinflusst
    • erweisen auf kulturelle, religiöse und soziale, rechtliche und ethische Leitbilder des Handelns
    • sie gehen über den Normbegriff hinaus
    • vorherrschende Werte in einer Gesellschaft sind das Grundgerüst für Kultur und Weltanschauungen
    • Werte, die sich der Einzelne zueigen macht, wirken wie ethische Imperative
    • können zu geltenden Normen in Widerspruch geraten und zu konfliktreichen Situationen auf allen Ebenen des sozialen Handelns führen
    • einzelne Werte wandeln sich und können an Verbindlichkeit zu- oder abnehmen
  13. Definition: Handlungstypen (nach Ferdinand Tönnies)
    • Gemeinschaftliches Handeln: basiert auf persönlicher Nähe, Bekanntheit, Vertrautheit, das Du prägt die Umgangsform, man weiß mehr voneinander, als in der jeweiligen Handlungssituation erforderlich ist, es gibt ein ausgeprägtes Wir-Gefühl
    • Gesellschaftliches Handeln: hat weitgehende Anonymisierung der Sozialstrukturen und ein mehr funktionales Rollenverständnis zur Voraussetzung; basiert auf Trennung von Familie/Haushalt und Arbeitsplatz, von Arbeit und Freizeit, von Privatheit und Öffentlichkeit; das Sie gehört zur vorherrschenden Umgangsform
  14. Definition: Handlungstypen (nach Max Weber)
    • zweckrationales Handeln: bestimmt durch Erwartung des Verhaltens von Gegenständen der Außenwelt und von anderen Menschen; Benutzung dieser Erwartungen als Bedingungen oder als Mittel für rationalen Erfolg, erstrebte und abgewogene eigene Zwecke
    • wertrationales Handeln: bestimmt durch bewussten Glauben an den ethischen, ästhetischen, religiösen oder wie auch immer zu deutenden unbedingten Eigenwert eines bestimmten Sichverhaltens rein als solchen unabhängig vom Erfolg
    • affektuelles Handeln: insbesondere emotional bestimmt durch aktuelle Affekte und Gefühlslagen
    • traditionales Handeln; bestimmt durch eingelebte Gewohnheit
    • Handeln ist laut Weber nur selten an einer einzigen Art orientiert
  15. Definition: Raum
    • der alltagsweltlich organisierte Kontext der Erfahrungen handelnder Menschen, im Näheren eine Anordnung von Objekten und Akteuren im Verhältnis und mit Bezug aufeinander
    • als Wahrnehmungs- und Handlungsraum ist der soziale Raum durch zumindest eine kognitive und eine praktische Dimension bestimmt
  16. Definition: Zeit
    • soziales Handeln ist in Zeitstrukturen gebunden
    • inneres Erleben von Zeit ist je nach Handlungssituation verschieden – gefühlt kann sie schneller oder langsamer vergehen
    • temps mécanique: der mechanischen, gemessenen Zeit
    • temps vecu: der gelebten und erlebten Zeit
    • Zeitbewusstsein und Bewertung von Zeit sind kultur- und epochenspezifisch
  17. Definition: Soziale Beziehung (nach Max Weber)
    • ist ein dem Sinngehalt nach aufeinander gegenseitig eingestelltes und dadurch orientiertes Sichverhalten Mehrerer
    • besteht ausschließlich in der Chance, dass in einer sinnhaft angebbaren Art sozial gehandelt wird, einerlei, worauf diese Chance beruht
    • ein Mindestmaß von Beziehung des beiderseitigen Handelns aufeinander ist grundlegend
    • Beispiele sind: Kampf, Feindschaft, Geschlechtsliebe, Freundschaft, Pietät, Marktaustausch
  18. Definition: Brauch und Sitte
    • sind Beispiele für wertbezogene soziale Beziehungen
    • Bräuche sind Kann-Normen, Sitten sind Muss-Normen
    • die Sichtweise, was Brauch und was Sitte ist, gehen oft weit auseinander, bspw. zwischen den Generationen
  19. Definition: Soziale Rolle
    • ist ein strukturiertes Bündel von Normen und Verhaltenserwartungen in zumeist institutionell vorgegebenen Handlungszusammenhängen (z.B. Familie, Schule, Arbeitsplatz)
    • Rollenhandeln umfasst bestimmte Symbole und Gesten, die den „gemeinten Sinn“ ausdrücken
    • werden von einzelnen Individuen „gespielt“
    • sind durch Normen über-individuell in sozialen Positionen festgelegt
    • macht aufeinander bezogenes, zielorientiertes Handeln überhaupt erst möglich
    • Rolle und Position sind zwei Seiten einer Medaille
    • Rolle: ist aktiver Teil, der Handlungsvollzug
    • Position: Teil sich ergänzender, komplementärer Rollen, die in ihrem Zusammenspiel ein sinn- und zweckorientiertes Handeln erst ermöglichen (Robert Merton nennt dies Rollen-Set)
    • Rollen-Sets sind auf mehrere Personen verteilt
    • steht am Schnittpunkt zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft der Homo sociologicus – also der Mensch als Träger sozial vorgeformter Rollen
    • der Einzelne ist seine sozialen Rollen
    • soziale Rollen sind zugleich ärgerliche Tatsachen der Gesellschaft
    • Fragen nach dem wahren Charakter eines Menschen sind nicht Gegenstand der Soziologie
    • es gilt zu akzeptieren, dass „wir alle Theater spielen“ (Erving Goffmann) – nur so kann die Rollen-Metapher eine analytische Kategorie der Sozialwissenschaften werden
    • Rollenhandeln hat immer Elemente der Selbstdarstellung
  20. Definition: Sozialer Status
    • fasst alle sozialen Rollen und Positionen zusammen, die ein Individuum einnimmt
    • werden alle sozialen Rollen und Positionen eines Individuums zusammengefasst und mit einer Bewertung und Rangordnung versehen, ergibt sich das soziale Prestige dieser Person
    • die Begriffe Norm, Position, Status und Prestige gehören zum Kontext der sozialen Rolle
  21. Familie
    • zwei-generative und zweigeschlechtliche Gemeinschaft zur Zeugung, Aufzucht und Erziehung des Nachwuchses
    • wird wegen dieser Funktion gesellschaftlich anerkannt und geschützt
    • Kern ist die Mutter-Kind-Dyade
    • Beziehung zu: Ehe
    • Strukturwandel der Familie: Dominanz der bürgerlichen Kleinfamilie
    • Neue Familienformen und Lebensgemeinschaften
    • Universalität der Familie: es gibt nur wenig, was verallgemeinert werde könnte
    • Familie ist Gegenmodell zur Gesellschaft und widersteht dem raschen sozialen und ökonomischen Wandel
  22. Definition: Soziale Gruppe
    • umfasst eine Anzahl Mitglieder, die ein gemeinsames Ziel verfolgen
    • aus einem kontinuierlichen Kommunikations- und Interaktionsprozess heraus entsteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl
    • Voraussetzung für Erreichung des Gruppenziels und eine Gruppen-Identität sind gemeinsame Normen und ein gruppenspezifisches Rollendifferenzial
    • basieren meist auf Freiwilligkeit und sind oft altershomogen
    • Familien sind keine typischen sozialen Gruppen
  23. Definition: Soziale Netzwerke
    • sind identifizierbare Beziehungsmuster von Vernetzungen unter Individuen und sozialen Systemen jeder Art und Größe
    • entstehen spontan, basieren aber oft auf vorhandenen sozialen Gebilden (zB Cliquen, Gruppen oder Organisationen)
    • sind im Vergleich zu anderen sozialen Gebilden offener im Hinblick auf Mitgliedschaft und meist von kürzerer Dauer
  24. Definition: Arbeit
    • zielgerichtete menschliche Tätigkeit zum Zweck der Existenzsicherung
    • in den letzten Jahren wurde der Beruf zum Job (nicht mehr Berufung, sondern pragmatischer gesehen)
  25. Definition: Gesellschaft
    • bedeutet nach dem Wortursprung „Inbegriff räumlich vereint lebender oder vorübergehend auf einem Raum vereinter Personen“
    • Luhmann definiert sie als umfassendes soziales System, das alle anderen sozialen Systeme in sich einschließt
  26. Definition: Bevölkerung
    • Anzahl der Einwohner eines bestimmten Gebietes (einer Stadt, eines Staates etc) an einem Stichtag
    • ist zusammen mit dem Territorium die Basis der Sozialstruktur
  27. Definition: Recht
    ist in soziologischer Perspektive die Summe der mit Sanktionsmöglichkeiten versehenen sozialen Normen, Verordnungen und Gesetze
  28. Definition: Rechtsstaat
    • ist der im Grundgesetz aufgestellte Ordnungsrahmen, der auch den Staat bei der Gesetzgebung bindet
    • begrenzt den Staatszweck und die Willkür des staatlichen Handelns
    • Gewaltenteilung garantiert Unabhängigkeit der Justiz und die Rechtmäßigkeit der Verwaltung, deren Rechtsakte einklagbar sind
  29. Die verrechtlichte Gesellschaft
    • positive Seite der Verrechtlichung des Lebens ist, dass nun auch Individuen ihr Recht einklagen, die sich das zuvor aus Kostengründen oder Respekt vor der Justiz dies nicht getraut hätten
    • Verursacher der Verrechtlichung sind die drei Gewalten
    • Legislative produziert Gesetze
    • Exekutive erweitert ihren Kompetenzbereich durch kontinuierliche Ausweitung ihrer Befugnisse auf dem Rechtsweg
    • Justiz führt immer mehr eigene Verfahren
    • Europäisierung und Globalisierung der Rechtsmaterien verstärken den Trend
    • jede Regierung verspricht, die Gesetzesflut und Normierungswut einzudämmen und macht das Gegenteil
    • Bürgern ist nicht bewusst, dass dadurch der bürokratisch-rechtliche Zugriff auf ihre Lebenswelt ständig erweitert wird
    • durch Überlastung der Gerichte wird es immer schwerer, in angemessener Zeit und mit angemessenen Kosten sein Recht einzuklagen und durchzusetzen
    • Versuche der Entstaatlichung und Entbürokratisierung haben deshalb keine Chance, weil es zum Recht mit seinen Möglichkeiten, bestimmte Sachverhalte auf Dauer zu stellen und eine verlässliche Erwartungsstruktur zu schaffen, keine Alternative gibt
  30. Definition: Staat in soziologischer Perspektive
    • nach Max Weber gab es Staat im rationalen Sinn nur im Okzident: das rationale Recht des modernen okzidentalen Staates, nach dem das fachmännische Beamtentum entscheidet, entstammt nach der formalen Seite dem römischen Recht
    • Weber definiert den Staat soziologisch: Staat ist ein politischer Anstaltsbetrieb, dessen Verwaltungsstab erfolgreich das Monopol legitimen physischen Zwanges für die Durchführung der Ordnungen in Anspruch nimmt
  31. Definition: sozialen Sicherheit
    • basiert auf drei Prinzipien
    • soziale Gerechtigkeit, die über Politik des sozialen Ausgleichs zu bewirken ist
    • Solidaritätsprinzip, z.B. gewerkschaftlich und genossenschaftlich organisiert, aber auch bei Lebens- und Gesundheitsversicherungen
    • Subsidiaritätsprinzip
    • in der katholischen Soziallehre vor allem vom Jesuitenpater Oswald von Nell-Breuning entwickelt, der für die Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft wichtig war
    • wendet sich gegen ausschließlichen oder zu weitgehenden Zentralismus des Staates im Bereich soziale Hilfe
    • die jeweils kleinstmögliche Einheit, beginnend bei Individuen und Familien ist so lange zuständig, wie das sinnvoll und erwünscht ist, bevor kommunale, karitative und kirchliche Einrichtungen tätig werden
  32. Soziologische Theorien
    • Makro-Soziologie: Gesellschaft
    • Meso-Soziologie: Organisationen und Institutionen
    • Mikro-Soziologie: soziales Verhalten und Handeln
  33. Übersicht Theorien
  34. Theorie: Soziale Handelns (nach Talcott Parsons)
    • soziales Handeln ist der Ausgangspunkt (selbst wenn es um Strukturzusammenhänge geht)
    • Handlungen treten nicht vereinzelt auf, sondern in strukturierten Konstellationen, den Handlungssystemen
    • es existieren 4 Handlungssysteme, die durch Interpenetrationen miteinander verbunden sind: personales System, Organismussystem. soziales System, kulturelles System
  35. Theorie: Austauschtheorie (nach George C. Homans)
    • Theorie des sozialen Verhaltens als Austausch von Individuen in Interaktionen
    • Homans wollte soziales Verhalten erklären
    • Ausgangspunkt sind Lerntheorien und Theorien des wirtschaftlichen Handelns
    • psychische Faktoren und Dispositionen spielen eine große Rolle
    • Studienobjekt ist das tatsächliche Verhalten von Individuen, die miteinander in direktem Kontakt stehen
    • wichtige Grundlage des Ansatzes ist das wirtschaftstheoretische Modell des Tauschens: Interaktionen sind Tauschprozesse
    • hierbei sind Reiz-Reaktionsannehmen und wechselseitige Belohnungen (als Verstärker) oder Bestrafungen entscheidend
    • Aktivitäten und Gefühlsmomente werden in enge Wechselbeziehung gebracht
    • Grundannahmen über menschliches Verhalten:
    • Interaktionen zwischen Personen basieren im Kern darauf, dass sich die Beziehung lohnt
    • Belohnungen sind materielle und immaterielle Güter (Sympathiebekundungen, Prestige- oder Statusgewinn)
    • Austauschbeziehungen erreichen Kohäsion und Stabilität, wenn sie über längeren Zeitraum für die Interaktionspartner vorteilhaft sind
    • Beziehungen werden so lange fortgesetzt, wie Personen davon ausgehen, dass der Nutzen die Kosten übersteigt (Erfolgshypothese)
    • Kritiker bemängeln, dass in dieser Theorie Macht, Herrschaft, Ausbeutung und andere asymmetrische Sozialbeziehungen nicht berücksichtigt werden
  36. Theorie: Systemtheoretisches Denken (nach Renate Mayntz)
    • der Begriff System besagt, dass bestimmte Elemente eine Struktureinheit bilden und dadurch Begrenzungen nach innen und außen entstehen
    • die Interdependenz der Teile nimmt mit der funktionalen Differenzierung im System zu
    • funktionell differenzierte Teile eines Systems konkurrieren miteinander um knappe Werte und Mittel
    • auch ihre Ziele können gegensätzlich sein
    • soziale Teilsysteme streben oft nach größtmöglicher Autonomie, was im Extremfall zur Auflösung des Systems führt
  37. Theorie: Systemtheorie (von Niklas Luhmann)
    • Aufklärung: ist das Streben, menschliche Verhältnisse frei von allen Bindungen an Tradition und Vorurteil aus der Vernunft neu zu konstruieren
    • Luhmann geht davon aus, dass mit der Aufklärung und der beschleunigten Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Teilsysteme das Problem der Komplexität entsteht
    • Soziologie soll beitragen, die überkomplexen Informationsbestände so zu analysieren, dass sie für das Individuum anschlussfähig sind und mit individuellem Sinn versehen werden können
    • die funktionale Methode sollte als eine vergleichende Methode gesehen werden
    • die Funktion soll der Struktur vorgeordnet werden
    • die Lösung sozialer Probleme kommt somit durch verschiedene funktionale, kontingente, Möglichkeiten in den Blick
    • funktional äquivalente Alternativen, die als Problemlösungen zur Verfügung stehen, werden verdichtet, wodurch Erklärungen und Voraussagen möglich werden
    • die System-Umwelt-Differenz ist entscheidend, wobei die Umwelt komplexer ist als das System selbst
    • vorrangige Aufgabe der Soziologie ist die Analyse intervenierender Umweltfaktoren
  38. Theorie: Kritische Theorie: Die Soziologie der Frankfurter Schule (z.B. Max Horkheimer)
    • Institut für Sozialforschung wurde 1923 in Frankfurt gegründet und war zunächst marxistisch ausgerichtet
    • ab 1930 änderte sich das mit dem Institutsleiter Horkheimer, der die im Marxismus verpönte Psychologie aufnahm
    • die Möglichkeit von Individualität und Humanität unter veränderten materiellen und gesellschaftlichen Bedingungen blieb im Fokus
    • Horkheimer kritisiert Kapitalismus und bürgerliche Gesellschaft
    • die Ideen, mit denen das Bürgertum seine Ordnung erklärt, gerechter Tausch, freie Konkurrenz usw. haben einen inneren Gegensatz und stehen damit im Widerspruch zu dieser Ordnung
    • ein Theoretiker, der eine Gesellschaft ohne Unrecht erreichen will, kann sich im Widerspruch zu gerade herrschenden Ansichten des Proletariats befinden
    • ein geschlossenes Theoriegebäude existiert nicht
    • eigentliches Thema das IfS ist die Durchsetzung des Feschismus als den Staat beherrschende Kraft
    • Kritik der industriegesellschaftlichen Zwänge war theoretischer Kern der Gesellschaftskritik durch die rebellierenden Studenten
  39. Theorie: Phänomenologische Ansätze (nach Edmund Husserl)
    • unter Phänomenologie versteht Husserl eine Philosophie: die auf die erkennende Subjektivität als Urstatt aller objektiven Sinnbildungen und Seinsgeltungen zurückgeht und es unternimmt, die seiende Welt als Sinn- und Geltungsgebilde zu verstehen
    • zentraler Begriff für die phänomenologische Soziologie ist der der Lebenswelt: die raumzeitliche Welt der Dinge, so wie wir sie in unserem vor- und außerwissenschaftlichen Leben erfahren und über die erfahrenen hinaus als erfahrbar wissen
  40. Theorie: Phänomenologische Ansätze (nach Alfred Schütz)
    • Max Webers Handlungstheorie muss ergänzt werden
    • der Aufbau der Sozialwelt ist sinnhaft
    • für die, die in der Sozialwelt leben
    • für die Sozialwissenschaften, die die Sozialwelt deuten
    • Ziel ist es, das Sinnphänomen zu bestimmen
    • mit dem Vordingen der phänomenologischen Ansätze beginnt ein Streit, ob die empirische Sozialforschung mehr qualitativ oder mehr quantitativ ausgerichtet werden soll
  41. Theorie: integrative Paradigma
    • alle drei Hauptrichtungen analysieren Interaktionen als interpretierte bzw. zu interpretierende Austauschbeziehungen und stellen die Wechselseitigkeit der Sinndeutungen und das Aushandeln in den Mittelpunkt
    • Interpretation bedeutet Auslegung, Deutung
  42. Theorie: integrative Paradigma - Symbolischer Interaktionalismus (nach Herbert Blumer)
    • beruht auf drei Prämissen: (1) Menschen handeln gegenüber Dingen auf der Grundlage der Bedeutung, die diese Dinge für sie besitzen, wobei Dinge alles sind, was der Mensch in seiner Welt wahrnehmen kann, (2) die Bedeutung der Dinge ist aus der sozialen Interaktion, die man mit den Mitmenschen eingeht, abgeleitet, oder entsteht aus ihr und (3) die Bedeutung kann in einem interpretativen Prozess, den die Person in der Auseinandersetzung mit den Dingen, die ihr begegnen, gehandhabt oder geändert werden
    • die Bedeutungen, die die Dinge für die Menschen haben, haben einen eigenständigen und zentralen Stellenwert
    • Bedeutungen sind soziale Produkte und Schöpfungen, die durch die definierenden Aktivitäten miteinander agierender Personen hervorgebracht werden
    • menschliche Gruppen und Gesellschaften bestehen nur in der Handlung und müssen in Handlungskategorien erfasst werden
    • zwei Formen sozialer Interaktion werden unterschieden
    • nicht-symbolische Interaktion findet statt, wenn man direkt auf die Handlung eines anderen Antwortet, ohne sie zu interpretieren
    • symbolische Interaktion beinhaltet die Interpretation der Handlung
    • dazu müssen alle an der Interaktion beteiligten Personen die Rolle des jeweils
  43. Gesellschaftsbegriffe
    • Grundlagen der bürgerlich-industriellen Gesellschaft waren bis in die 60er Jahre in europäisch-westlichen Staaten vorherrschend
    • danach wurden neue Strukturelemente dominant: Wissen, Information, ihre digitale Aufbereitung und Vermittlung in digitalen Informationssystemen und Netzwerken
  44. Theorie: Postindustrielle Gesellschaft (nach Daniel Bell)
    • Technik und Wissenschaft werden zur ersten Produktivkraft, wodurch Marx Arbeitswerttheorie entfällt
    • die Arbeitskraft des Produzenten fällt bei der Schaffung von Mehrwert immer weniger ins Gewicht, stattdessen ist der wissenschaftlich-technische Fortschritt die Mehrwertquelle
    • Klassenkampf und Ideologie als Schlüsselkategorien von Marx Theorie können nicht mehr umstandslos angewendet werden
  45. Theorie: Netzwerkgesellschaft (Manuel Castells)
    • Castells lotet Dimensionen des technologischen Wandels der 1970er Jahre aus
    • im Informationszeitalter sind alle zentralen Funktionen und Prozesse der Gesellschaft zunehmend in Netzwerken organisiert
    • Präsenz oder Absenz im Netz sowie die Dynamik des jeweiligen Netzes werden zu dominanten Quellen der Selbstdarstellung und Selbstbehauptung
    • diese Dynamik ist Hauptursache des kulturellen Wandels
    • Netzen kommt Vorherrschaft über alle sozialen Aktivitäten zu
    • → Netzwerkgesellschaft
    • Netzwerke sind offene Strukturen und können grenzenlos expandieren
    • daher haben alle auf Netzwerken basierenden sozialen Strukturen eine hohe Dynamik
    • Netze sind angemessene Instrumente für eine kapitalistische Gesellschaft, die auf Innovation, Globalisierung und dezentraler Konzentration beruht
    • Finanzsektor ist Leitsektor der globalen Ökonomie und Ausdruck des Expansionswillens des Kapitals
    • kapitalistische Expansion wird von Finanzströmen beherrscht, die nur noch rudimentär reale Güterströme repräsentieren
    • das hat Auswirkungen auf
    • Politik, die aus dem Stehgreif neue Wertorientierungen und öffentliche Stimmungen erzeugt
    • Kultur, die sich in einem endlosen Prozess der Konstruktion und Dekonstruktion befindet
    • Netzwerke können bisherige institutionelle Grenzen, bspw. zwischen kleinen und großen Firmen, sprengen
  46. Definition: Netzwerke
    • Netzwerke geben dem Individuum eine neue, höhere Stufe der Autonomisierung; mit dem Netzwerk haben Individuen ein eigenständig handhabbares Instrument ihrer Partizipation an sozialen und kulturellen Prozessen an der Hand
    • Netzwerke ersetzen bisherige Formen sozialer Kohäsion und Integration nicht völlig
    • Netzwerke sind für Individuen, soziale Systeme, Recht, Politik und Kultur so bedeutsam, dass sie den sozialen Wandel auf eine neue Basis stellen
    • alle Grundlagen des Kulturprozesses (Sozialisation, Identitätsbildung, Berufs- und Arbeitsstruktur, Infrastruktur) befinden sich im Prozess der Reorganisation, neuer Basierung und ständiger Innovation
    • Netzwerkgesellschaft hat durch beschleunigte Globalisierung, Individualisierung, Enträumlichung und Entzeitlichung eine politisch immer schwieriger zu steuernde ökonomische, soziale und kulturelle Dynamik

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